Das Höllenfensterkleid – Der Minirock des Mittelalters

Viele historisch interessierte Menschen werden früher oder später mit der Erkenntnis konfrontiert, dass viele Händler keinen Unterschied zwischen „Fantasy“ und „Mittelalter“ kennen. In vielseitigen Worten werden hier Rock, Bluse und Mieder als die Marketenderkleidung der mittelalterlichen Frau angepriesen, dicht gefolgt von glitzernden Pannesamtkleidern mit Trompetenärmeln. Doch das Angebot dieser Händler hat rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun – mit einigen Ausnahmen. 

Viele einschlägige Online-Shops und Markt-Händler führen Kleider mit extragroßen Ärmelausschnitten im Sortiment. Abgesehen von der Wahl des Materials und der angebrachten Verzierung in Form von Borten und Pailletten sind diese Gewänder durchaus auf mittelalterliche Vorlagen zurückzuführen.Bei dem „Höllenfensterkleid“ handelt es sich um eine Art von ärmellosen Surcot, welcher in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts ein beliebtes Kleidungsstück für wohlhabende und adlige Menschen war. Frauen und auch Männer trugen die überlangen Überkleider zu festlichen Anlässen.

Woher der Name „Höllenfenster“ kommt, erschließt sich dem aufmerksamen Betrachter häufig bereits auf dem ersten Blick. Durch die weiten seitlichen Öffnungen konnte man mehr als nur einen flüchtigen Blick auf das darunter liegende Kleidungsstück werfen. Die Mode durchlebte in dieser Zeit einen radikalen Wandel, die Sackmode des Hochmittelalters verschwand und die Kleidung wurde im allgemeinen figurbetonter. Die Tatsache, dass man nun den Körper des Trägers mehr als nur erahnen konnte, war der Kirche ein Dorn im Auge. Besonders in Kombination mit dem ärmellosen Surcot galt diese Art der Zurschaustellung als Sünde und war verpönt. Das Mitspracherecht der Kirche in Sachen Mode hatte wie so häufig aber nur mäßigen Erfolg. Philippa of Hainault (dt.Phillippa von Hennegau) trug bei ihrer Krönung ein mit Fell verbrämtes Höllenfensterkleid.

In zahlreichen Handschriften und auch auf Figuren lässt sich einwandfrei das ärmellose Surcot erkennen. Den genauen Ursprungsort des freizügigen Kleides zu bestimmen, ist nach so langer Zeit schwierig. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts tauchten derartige Gewandungsstücke in Spanien auf. Das sogenannte Pellote wurde nachweislich von Enrique I und Leonora Aragon getragen. Etwa 100 Jahre vergingen, ehe sich die außergewöhnliche Robe jedoch auch im restlichen Westeuropa durchsetzte. Ob es sich dabei aber um eine „Neuerfindung“ des spanischen Pellote handelt oder ob es einfach einige Zeit dauerte, ehe sich das Kleidungsstück auch bei uns durchsetzte, ist unbekannt. Die Blütezeit des Höllenfensterkleides liegt etwa zwischen 1320 – 1390. Wie viele Kleidungsstile unterliegt auch der ärmellose Surcote dem Wandel der Mode und verliert Ende des 14. Jahrhunderts an Bedeutung.

Bienchen